Gestern ist es passiert: Ich kam, sah und wurde verzaubert.
Er: Gutaussehend, charmant, schönes Lächeln. Wir trafen uns an der U-Bahn Station und als ich die Treppen hochstieg und ihn auf der anderen Seite der Ampel erblickte, wusste ich schon - scheiße der sieht aus. Die ersten dreißig Minuten verbrachte ich damit ihn anzustarren und in meinem leeren Kopf andere Phrasen als "Mhm" und "Okay" und "Echt?" zu finden. Er versuchte derweil lockeren Smaltalk mit mir zu führen, während ich ihm mit hoher Stimme anwortete. Und als ob das alles nicht schon reichte, erzählte er mir eine Kindheitserinnerung. Kultur, Geschichte und Zuckerwatte in den ersten 10 Minuten. Wie kann man da nicht schwach werden? Nachdem wir endlich ein Lokal mit freiem Platz gefunden hatten, saßen wir uns lächelnd gegenüber und tauschten tiefe Blicke. Mit dem Bier löste sich meine Zunge und wir sprachen über Arbeit, Familie, Studium und Träume.
Die Verabschiedung erfolgte mit einer unverbindlichen Umarmung und einem "Komm gut nach Hause."
Kein "Ich will dich wiedersehen", kein "Wiederholen wir das nochmal?", kein "Schreib mir, wenn du gut nach Hause gekommen bist." Nur ein "Tschau." Unverbindlich, schnell, schmerzlos.
Und dennoch werde ich auf Wolken nach Hause getragen. Weiß es besser und hoffe dennoch. Wache auf und denke an ihn. Geh ins Bett und denke an ihn.
48 Stunden später strecke ich zaghaft meine Fühler nach ihm aus, empfindlich wie eine Schnecke. Versuche den Stein zu berühren, der vor 48 Stunden noch ein sehr küssenswerter Frosch war. In mir ist alles wund vor Ungewissheit. Und aus Stunden wurden Tage und aus Tagen wurden Wochen. Er schrieb nicht zurück. Nie mehr.
Und nach und nach wurde aus der geplanten Hochzeit seine Beerdigung. Ich löschte seine Nummer und begrub unseren Nachrichtenverlauf zusammen mit seiner Illusion eines Gentlemans, welche er mir an jenem Abend gegeben hatte. Die es einfühlsamen Typs, die des interessierten und rücksichtsvollen Mannes. Der sich in Wahrheit als gefühlloser, falscher Stein ohne Eier entpuppte. Echte Steine geben nicht vor, etwas anderes zu sein.
Und so blieb ich wiedermal im ungewissen, woran es denn nun lag. An mir? Daran, dass ich zuerst geschrieben hatte? Dass ich das Falsche geschrieben hatte? An der Biologie des Mannes? Der Jäger-Theorie?
Und warum haben 90% der Männer nicht die Eier in der Hose, um eine höliche Absage zu geben? Ein Korb ist zwar immer noch ein Korb, aber wesentlich netter als ignoriert zu werden. Sowas nennt man Respekt. Auf einen netten Abend mit persönlichen Gesprächen darf frau als Mindestmaß eine kurze Absage erwarten. Das wäre sehr wünschenswert.
Faizit scheint jedenfalls: Er steht einfach nicht auf mich.